Manfred Stahnke: Heinrich der Vierte
Kammeroper


Programmheft Kieler Staatstheater 1986


Die Vorgeschichte

Eine Gesellschaft reicher Adliger veranstaltet einen Maskenzug zu Pferde in historischen Kostümen - unter ihnen eine Frau, die sich aufgrund ihres Vornamens die Rolle der Mathilde von Toscana ausgesucht hat, einer Markgräfin aus dem 11. Jahrhundert, die damals großen Einfluss auf den Papst hatte.
Ein weiterer Festteilnehmer, der sie verzweifelt liebt, verkleidet sich als Heinrich IV., um Mathilde zu Füßen liegen zu können wie jener deutsche Kaiser, der seinerzeit tagelang demütig vor Mathildes Burg Canossa wartete, um vom Bannfluch des dort weilenden Papstes Gregor VII. entbunden zu werden.
Während des Maskenzuges kommt es zu einem Unfall. Heinrich stürzt vom Pferd, fällt auf den Hinterkopf und glaubt nun, wirklich jener deutsche Kaiser zu sein.
Um ihn vor Schlimmerem zu bewahren, richtet ihm sein Neffe di Nolli eine Umgebung ein, in der er als Heinrich IV. leben kann. Er stellt ihm sogar einen kostümierten Hofstaat (Landolf und Ordulf) und ein Orchester zur Verfügung.
Die Oper spielt in der Gegenwart, 20 Jahre nach Heinrichs Unfall.

Die Handlung

1. Szene. Bertold, ein neuengagierter kaiserlicher Vasall, wird von Landolf und Ordulf in seine Aufgabe und die historischen Zusammenhänge eingewiesen. Landolf und Ordulf stellen die Auseinandersetzung zwischen Papst und Heinrich IV. dar. Di Nolli taucht auf und kündigt einen Besuch an. Die Gäste sind Mathilde, Belcredi (Heinrichs damaliger Rivale, der jetzt Mathildes Lebensgefährte ist), Freya (die mittlerweile erwachsene Tochter Mathildes und Verlobte di Nollis) und der Arzt Dionisio Genoni, der den Patienten Heinrich begutachten soll.

2. Szene. Die Besucher erscheinen. Mathilde und Belcredi rekonstruieren für den Doktor den 20 Jahre zurückliegenden Unfall Heinrichs. Um von Heinrich empfangen zu werden, müssen sie sich als historische Personen verkleiden.

3. Szene. Heinrich tritt auf, gefolgt von seinen Vasallen. Er behandelt seine Gäste als die historischen Personen, die sie darstellen: Mathilde als Adelheid von Turin, die Schwiegermutter Heinrichs IV., den Arzt als Abt des Klosters Cluny. Gegen Belcredi, der als cluniazensischer Mönch verkleidet ist, zeigt er sofort heftiges Misstrauen.

4. Szene. Heinrich hat sich vorerst zurückgezogen. Der Doktor gibt eine erste Analyse seines Patienten. Mathilde glaubt, Heinrich habe sie erkannt, was zu einem Streit mit Belcredi führt. Schließlich verkündet der Doktor seine Therapie: Heinrich soll durch einen Schock geheilt werden. Vorerst sollen sich jedoch Mathilde und der Doktor in ihren historischen Kostümen von Heinrich verabschieden.

5. Szene. Bei der Verabschiedung bittet Heinrich seine Gäste, sich für ihn beim Papst einzusetzen. Plötzlich wird er von alptraumhaften Visionen heimgesucht, die beim Doktor und bei Mathilde völlige Ratlosigkeit auslösen. Schließlich beruhigt er sich und verabschiedet seine Gäste.

6. Szene. Kaum sind die Gäste gegangen, bricht Heinrich in schallendes Gelächter aus. Als seine Vasallen erschrocken herbeistürzen, eröffnet er ihnen, dass er bereits seit vielen Jahren von seinem Wahn geheilt sei. Die Vasallen müssen erfahren, dass er den Verrückten nur noch gespielt hat, da er es vorzog, in seiner Scheinwelt weiterzuleben, die heutige Welt aus der historischen Distanz zu betrachten und die anderen zu zwingen, wie Marionetten bei seiner Maskerade mitzuspielen.

7. Szene. Heinrich hat seine Vasallen weggeschickt und will sich zurückziehen. Er durchquert den Thronsaal, in dem rechts und links vom Thron zwei riesige Porträts hängen. Sie zeigen Heinrich und Mathilde in den Karnevalskostümen von damals. Plötzlich ertönt eine Stimme aus dem Bild Mathildes. Aus der Bildnische tritt Freya im Kostüm der Mathilde von Toscana. Sie sieht dem Porträt ihrer Mutter verblüffend ähnlich. In diesem Augenblick erscheint Mathilde selbst, ebenfalls im Kostüm der Markgräfin.
Doch der Trick, der durch die Gegenüberstellung mit der "alten" und der "jungen" Mathilde Heinrich das Gefühl für zeitliche Dimensionen wiedergeben soll, bewirkt das Gegenteil: Heinrich bildet sich für einen Moment ein, nun wirklich wahnsinnig zu sein.
Er will sich rächen, ist jedoch noch zu verletzt, um eine Strategie zu entwickeln. Nachdem er seiner Empörung über den hinterlistigen Trick Ausdruck gegeben hat, eröffnet er seinen Besuchern die Geschichte seines tragischen Schicksals. Er entlarvt Belcredi als den eigentlich Schuldigen, der damals sein Pferd gestochen hat, um ihn zu Fall zu bringen. Plötzlich wendet er sich Freya zu, die in ihrem Kostüm für ihn die Erinnerung an die Mathilde von damals verkörpert, und umarmt sie. Freya, die von Heinrich wie hypnotisiert ist, gibt sich ihm wehrlos hin.
Als Belcredi die beiden trennen will, ersticht ihn Heinrich. Belcredi stirbt und mit ihm die letzte Hoffnung Heinrichs, aus der Scheinwelt heraus in das wirkliche Leben zurückkehren zu können.
Matthias Hopf (Theater Kiel)

Manfred Stahnke zu seiner Oper:

In Heinrich dem Vierten werden Sie eine wieder-tanzende, wieder-verspielte Musik hören. Allerdings werden Sie feststellen müssen, dass diese Musik ein Zuhause gefunden hat in einer lügenhaften Schein-Mittelalterwelt: im Irrenhaus um den tragischen "Kaiser", dem man vorgaukelt, er lebe in einer alten Zeit.
Sie werden die tanzende, verspielte Musik in ganz unterschiedlichen Erscheinungsformen hören: als quasi-Mittelaltermusik, als heutige Popmusik, in kurzen Szenen auch als expressive Opernmusik.
Die hauptsächlichen Musikschichten im Heinrich will ich Ihnen kurz erläutern:
Schicht 1: Die im Irrenhaus angestellten "Diener und Berater" Heinrichs versuchen sich in volkstümlich-mittelalterlichem "Zwillingsgesang" (Gymel, im 15. und 16. Jh. Bezeichnung für ein solistisches Duo, das in einem mehrstimmigen Musikstück durch Spaltung einer Einzelstimme entsteht; beide Stimmen erklingen in gleicher Lage bei gleichem Stimmschlüssel und bevorzugen bei möglicher Stimmkreuzung imperfekte Intervallabstände. Anm. d. Red.) oder imitieren (den Papst spielend) psalmodischen Kirchengesang. Ihre Welt ist bunt, abenteuerlich, unecht, eigentlich leer.
Schicht 2: Dann erscheinen die "Gäste von heute", die Heinrich aus dem (vermeintlichen) Wahn ins herrliche Heute zurückführen wollen. Ihr intelligent-leeres Getue und Gestreite wird von der zweiten Musikschicht umhüllt, ertränkt: von einer Pop-Backgroundmusik.
Diese beiden Musikschichten, jene quasi-mittelalterliche und die poppige, sind einander ähnlich: Sie beide spiegeln eine Welt gestelzten Scheins.
Schicht 3: Erst mit Heinrich taucht ein originales Wesen in der Oper auf. Er "infiziert" mit seinem Eigen-Sein sofort seine alte Liebe, Mathilde, später auch deren Tochter Freya: Eine tiefe, wahrhaftige, aber tragisch-isolierte Welt blitzt auf. Mit Heinrichs Erscheinen kommt eine ganz andere Musik auf die Bühne. Das besondere Instrument dieser Schicht ist die speziell gestimmte Harfe. Hören Sie Heinrichs "Vöglein-Lied" aus der letzten Szene: Da ist der Blick auf eine nicht mehr nachgemachte, sondern neue, originale Welt. Es ist, als habe sich Heinrich damit aus dem Wust der Imitate und Masken freigekämpft. Der zarte, aus dem Schmutz hervorpräparierte Mikroton erzwingt unsere Aufmerksamkeit. Aber wir fühlen seine immerwährende Gefährdung, wieder zu Schmutz zu werden.
Es ist zunächst ein Automatismus: Wir empfinden Töne als "falsch", sobald sie sehr anders klingen als unsere zwölf temperierten. Das gilt merkwürdigerweise auch, wenn die abweichenden Töne aus der "naturreinen" Stimmung kommen. Wir sind durch die klassische Musik geeicht. Aber wir können hier die abweichenden Mikrotöne als etwas "Richtiges", Nicht-Schmutziges empfinden - falls wir Heinrichs dramatischer Liebe zum Eigenen zu folgen bereit sind.
Diese Mikrotöne nutzt die speziell gestimmte Harfe in meiner Oper aus. Ich habe der Harfenstimmung reine Terzen und reine Septen zugrunde gelegt. Sie können hierin ein Symbol sehen für Heinrichs Suche nach einer eigenen Welt.

(Manfred Stahnkes Libretto ist eine Neufassung des Stücktextes in stark konzentrierter Form unter Berücksichtigung vor allem musikalischer Erfordernisse. Anm. d. Red.)